Im Portrait

Eine Tasse Wasser vom Zugbegleiter

Lazare Tomdios Engagement für bessere Lebensbedingungen in Kamerun

Text: Benjamin Hellwig
Fotos: Perspectives Kamerun e.V.

Lazare Tomdio ist Zugbegleiter in Schleswig-Holstein und Mitbegründer des Kieler Vereins "Perspectives Kamerun e.V."

Die Apotheke seines Vaters ist für die Bedürftigen seiner kameruner Heimat ein Ort der Zuwendung und Hilfe. Dieses Lebenswerk will Lazare Tomdio fortführen, dann kommt alles ganz anders: Statt Apotheker in Kamerun ist er heute Zugbegleiter in Schleswig-Holstein. Als Mitbegründer des Vereins „Perspectives Kamerun e.V.“ hilft er dennoch und arbeitet von Kiel aus für bessere Lebensbedingungen in seiner westafrikanischen Heimat. Sein Lieblingsthema: gesundes Trinkwasser.

Treffen mit den Verantwortlichen vor Ort.

Mit einem kräftigen Ruck zieht Lazare Tomdio den Reißverschluss seines Koffers zu. Das Ticket bringt ihn heute von seiner Wahlheimat Kiel nach Douala in Kamerun. Er setzt sich auf die Couch, fährt auf der hölzernen Landkarte die Linien und Umrisse ab, erzählt dabei lebhaft über Vegetation, Klima, Kultur und Lebensbedingungen der Menschen – und über Trinkwasser. Der Trip in sein Heimatland ist für den 51-Jährigen eine Reise zu seinen Wurzeln, vor allem aber geht es um den intensiven Austausch mit den vielen Hilfsbedürftigen vor Ort. Für seinen schleswig-holsteinischen Verein „Perspectives Kamerun e.V.“ begleitet er ein Trinkwasserprojekt.

Arbeiten an einer Wasserleitung nach Banga Bakundu.

Tomdios Engagement hat eine lange Vorgeschichte. In seiner Jugend hat sein Vater als Arzt und Apotheker eine überaus wichtige Funktion in der Region. Der Sohn unterstützt ihn bei seiner Arbeit, schaut zu und lernt. Ihn prägt vor allem, wie sein Vater mit Ideenreichtum und Kniff auch jenen hilft, die die dringend benötigten Medikamente nicht bezahlen können. Dennoch stößt sein Wunsch, nach der Schule selbst Pharmazie zu studieren und die Apotheke im Sinne der Familientradition weiterzuführen, auf Widerstand. Das größte Problem: Ein Pharmazie-Studiengang existiert in Kamerun nicht. Nach vielen Diskussionen aber kann Tomdio seinem Vater schließlich die Erlaubnis für ein Studium in Deutschland abringen.

Mit dem Entschluss, für seine Ziele weit weg zu gehen, beginnt für Tomdio eine turbulente Zeit. Er lernt die deutsche Sprache, wartet mehrere Semester auf einen Studienplatz, dann endlich kommt die Zusage aus Kiel. Zwei Dinge dort erinnern ihn an seinen Heimatort und erleichtern ihm das Einleben: Die Nähe zum Wasser und die Apotheke im Erdgeschoss unter seiner Wohnung. „Das war genau, wie zu Hause,“ sagte er. Sein Studium verläuft indes anders als erwartet. Er muss sich wiederholt des Vorwurfs erwehren, er würde in Deutschland erlerntes Wissen in sein Heimatland exportieren, anstatt es in Deutschland anzuwenden. Auch andere westafrikanische Studierende bekommen das zu hören. Für Tomdio ist klar, dass viele von ihnen demotiviert sind und daher schon in elementaren Prüfungen scheitern. Nach neun Jahren gibt auch er das Studium auf, 2009 stirbt sein Vater, die Familienapotheke in Kumba muss schließen und Tomdios pharmazeutische Karriere endet, bevor sie begonnen hat.

Straße nach Banga Bakundu im Südwesten Kameruns.

Letzte Vorbereitungen vor der Abreise: Er klappt seinen Laptop auf, öffnet den Kartendienst Google Earth und navigiert per Touchpad durch das Projektgebiet im Südwesten Kameruns. Die Projekte digital verorten und verwalten zu können, ist für ihn eine große Hilfe – auch in der Kommunikation mit Kräften vor Ort sowie potentiellen Geldgebern. Von Douala aus soll es ins 60 Kilometer entfernte Banga Bakundu gehen. Es sind Projekte wie jenes, die Tomdio für den schleswig-holsteinischen Verein „Perspectives Kamerun“ betreut.

Die Bewohner transportieren ihr Trinkwasser.

Wie die meisten Dörfer und Kleinstädte Kameruns verfügt Banga Bakundu bis vor Kurzem keineswegs über Leitungswasser, wie man es in Mitteleuropa kennt. Die Menschen beziehen ihren Bedarf aus Flüssen und Quellen, die teilweise weit entfernt vom Wohnort liegen. Als Lazare Tomdio Banga Bakundu 2014 erstmals besucht, legen die Bewohner noch acht Kilometer für ihr Wasser zurück. Erwachsene wie Kinder füllen ihre Kanister an Quellen und in Flüssen und tragen sie den ganzen Weg wieder zurück. Allerdings ist weniger die Entfernung als die gesundheitsgefährdende Qualität des Wassers das große Problem. „Wir kennen das Gesundheitskonzept der Regierung nicht, es wird aber viel versprochen,“ beschreibt Tomdio die Situation und ergänzt: „Investitionen konzentrieren sich auf größere Städte und Orte mit touristischer Prägung. Der Rest des Landes wird sich selbst überlassen.“

„Investitionen konzentrieren sich auf größere Städte und Orte mit touristischer Prägung. Der Rest des Landes wird sich selbst überlassen.“

Lazare Tomdio
Arbeiten an der Quelle.

Auch spendenfinanzierte Projekte müssen bürokratische Hürden nehmen. Beispielsweise stünden im Normalfall vor dem ersten Spatenstich jedes Bauprojekts viele Versammlungen und langwierige Gespräche, beschreibt Tomdio die Verhältnisse vor Ort. Er aber wolle handeln, sich ein eigenes Bild davon machen, beispielsweise, um den besten Weg für eine Wasserleitung zu finden. „Die Leute wundern sich immer, wenn ich als Erstes meine Gummistiefel anziehe, die Machete greife und sage, ‚lasst uns die Quelle suchen’“, erzählt er. Das tatkräftige Engagement kommt bei vielen Menschen an. Tomdio lässt sie spüren, dass wirklich etwas passiert.

Bis es soweit ist, nimmt sein Leben nach dem abgebrochenen Studium eine unerwartete Wendung. Ob er eine kleine Tasche, ein weißes Hemd habe, sei er an einer Infotafel der Deutschen Bahn gefragt worden. Wenig später sitzt er im Zug nach Narbonne, Südfrankreich – von nun an ist er Schaffner, oder Neudeutsch: Zugbegleiter. Der drastische Tapetenwechsel wirkt wie Balsam auf seine Seele, die langen Fahrten und der Austausch mit den Reisenden mildern das Gefühl des Scheiterns. „Ich brauchte damals den Wechsel in ein neues, komplett anderes Feld,“ erzählt er. Dennoch lässt ihn sein ursprüngliches Ansinnen nie ganz los, wie er beschreibt: „Meine Gedanken kreisten eigentlich immer um die Frage, wie ich den Menschen in meiner Heimat auch ohne pharmazeutische Ausbildung helfen könnte.“

Mit seinem Verein begleitet er vor allem Trinkwasserprojekte.

Mit „Perspectives Kamerun“ hat er sich die Antwort selbst gegeben. Mit der Gründung seines Vereins 2010 hat Tomdio einen alternativen Weg eingeschlagen, die Lebensbedingungen der Menschen in seinem Heimatland zu verbessern. Und seit Anfang Juni 2015 beziehen über 20.000 Menschen in Banga Bakundu gefiltertes Trinkwasser aus Wasserhähnen. Die aufwändigen Installationen aus Filteranlagen, Wasserspeichern und -leitungen sind spürbares Ergebnis seiner Arbeit.

Am Abend vor der Eröffnungsfeier ist der erste Wasserhahn im Dorf noch mit einem Bretterzaun vor den neugierigen Blicken geschützt. Als Tomdio die Anlage am Abend vor der Enthüllung ein letztes Mal testet, spricht ihn ein älterer Mann an. „Er hatte meine Überraschungsaktion durchschaut, sagte zu mir, er habe ein Geräusch gehört, das wie sprudelndes Wasser klang. Ich weihte ihn ein, doch er wollte mir nicht glauben und ging. Dann schickte er seinen Sohn mit einer Tasse los. Wir füllten sie auf und er balancierte sie nach Hause an den Abendbrottisch. Eine großartige Erfahrung“, erzählt Tomdio.

Das Wasser aus dem Hahn wird gefeiert.

Perspectives Kamerun e.V. betreibt in Kamerun mehrere Projekte für sauberes Wasser, drei Schulprojekte und ein Mikrofinanzprojekt für den Aufbau einer Getreide- und Nussmühle mit körperbehinderten Menschen. Neben dem Kernthema Gesundheit und dem Errichten von Wasserleitungen in Dörfern ohne fließendes Wasser sind Bildung und Ernährung Schwerpunkte des Vereins. Die Akteure arbeiten gleichermaßen mit Bewohnern der Dörfer und den Kommunen zusammen. Alle Projekte werden durch Spenden finanziert.
Wer sich engagieren möchte, findet weitere Informationen unter www.perspectives-kamerun.com

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Als Expertin für globale Partnerschaften in der Entwicklungszusammenarbeit unterstütze ich Sie dabei Projekte und Partner vor Ort zu finden und einen Austausch auf Augenhöhe zu gestalten.

   Katharina Desch
Promotorin für globale Partnerschaften und Entwicklung

Bündnis Eine Welt
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