Praxisinterview – KI, Verzerrungen und globale Gerechtigkeit

Bildungsreferentin Aliéna Lill gewährt uns im Praxisinterview Einblicke in ihre medienpädagogische Arbeit mit Schüler*innen zu globale Lernperspektiven auf Künstliche Intelligenz und unsere digitale Welt. Anfang Juni 2026 haben sich Teilnehmende aus der 6. und 7. Klassenstufe der Kieler Humboldt-Schule in einer Projektwoche mit ihr über Chancen und Herausforderungen von KI auseinandergesetzt. Ziel war es nicht nur, KI-Anwendungen kennen zu lernen und auszuprobieren, sondern vor allem: zu verstehen, wie KI funktioniert, welche Rolle Daten spielen und welche gesellschaftlichen Auswirkungen damit verbunden sind

© Aliéna Lill
Aliéna Lill ist Medienpädagogin mit langjähriger
Erfahrung in Bildungsarbeit und Tech Branche.
Sie gibt interaktive Workshops, die globale
Zusammenhänge sichtbar machen und zur
Reflexion über unsere digitale Gegenwart
anregen. Ihr Schwerpunkt liegt darauf, jungen
Menschen Wege zu kritischer Selbstreflexion
und digitaler Mündigkeit zu eröffnen.
Aliéna ist dazu als freie Bildungsreferentin
für Globales Lernen im Programm
Bildung trifft Entwicklung tätig.

Worauf lag dein Schwerpunkt in der zurückliegenden Projektwoche?

Aliéna: Vor allem mit Beispielen aus ihrer Lebenswelt. Das sind Geschlechterstereotype, Reflexion von Vorurteilen über Herkunft oder Nationalitäten, Themen von Zugänglichkeit bzw. Diskriminierung diverser Personengruppen. Diese Diskurse kennen auch schon die jüngeren Schüler*innen. Wenn man dann einen Input wählt, der zeigt, was Daten eigentlich sind und wie bedeutsam sie für KI sind - vor allem aber: wie Daten schaden können, wenn sie die Unterschiedlichkeit von Menschen nicht abbilden - dann wird schnell deutlich, wo die Verzerrung entsteht.

Bild generiert mit ChatGPT

Du hast vorher eher in höheren Klassenstufen zum Thema gearbeitet. Wie gehst du das Thema KI-Verzerrungen bei jüngeren Schüler*innen an?

Aliéna: Vor allem mit Beispielen aus ihrer Lebenswelt. Das sind Geschlechterstereotype, Reflexion von Vorurteilen über Herkunft oder Nationalitäten, Themen von Zugänglichkeit bzw. Diskriminierung diverser Personengruppen. Diese Diskurse kennen auch schon die jüngeren Schüler*innen. Wenn man dann einen Input wählt, der zeigt, was Daten eigentlich sind und wie bedeutsam sie für KI sind - vor allem aber: wie Daten schaden können, wenn sie die Unterschiedlichkeit von Menschen nicht abbilden - dann wird schnell deutlich, wo die Verzerrung entsteht.

© Aliéna Lill

Wie können wir uns das ganz praktisch vorstellen?

Aliéna: Die Schüler*innen sind zum Beispiel selbst in die Rolle einer Bild-KI geschlüpft. Sie haben ein Datentraining simuliert, in dem sie ganz harmlose Katzenbilder zunächst mit weniger und dann mit mehr Merkmalen eingeordnet haben. Die Kategorisierung von Daten haben wir auch mit Obst visualisiert. Das wirkt spielerisch, veranschaulicht aber in kleinem Maßstab gut die Funktionsweise von KI.

Wie ging es mit der Gruppe nach diesen Grundlagen weiter?

Aliéna: Im weiteren Verlauf entwickelten Schüler*innen in kleinen Projektgruppen eigene KI-Ideen für gesellschaftliche Herausforderungen und überlegten, wie Technologie Menschen im Alltag unterstützen könnte. Dabei stand weniger die technische Umsetzung als vielmehr die Frage im Mittelpunkt, wie KI verantwortungsvoll, fair und gemeinwohlorientiert gestaltet werden kann.

Und was für Ideen kamen dabei heraus?

Aliéna: Es ging zum Beispiel darum, wie KIs für den Meeres- und maritimen Artenschutz eingesetzt werden können. Oder wie mittels KI-Unterstützung Beratung beim Lernen und für Feedback im Schulalltag genutzt werden kann. Die Gruppen haben sich dort gedanklich fließend zwischen der Arbeit auf theoretischer Konzeptebene bis hin zur konkreten Umsetzung in einem klickbarem (KI-generiertem) App-Prototypen bewegt.

Das klingt schon nach unternehmerischen Denken. Hab ihr dabei auch auf die großen Tech-Unternehmen auf der Welt geschaut? 

Aliéna: Ja, das haben wir in der Woche auch thematisiert. Da stellen sich passende Fragen im Globalen Lernen. Wer entwickelt KI? Welche Perspektiven werden berücksichtigt? Wer profitiert von technologischen Entwicklungen (Spoiler: vor allem große Firmen!) und wer läuft Gefahr, ausgeschlossen zu werden? KI wurde so nicht nur als technisches Werkzeug betrachtet, sondern als gesellschaftliches Thema, das Aspekte von Teilhabe, Gerechtigkeit und Verantwortung berührt.

»Jede KI ist abhängig von der Art der Entwicklung. Wenn dies nur aus einseitigen und machtvollen Standpunkten aus entsteht, setzen wir globale Gerechtigkeit auf’s Spiel.«

Was macht Globales Lernen für dich aus? Und wo steck dort das Thema Künstliche Intelligenz für dich?

Aliéna: Globales Lernen bedeutet für mich vor allem: Perspektiven wechseln, sich selbst und seine Themen zu reflektieren. Gerade beim Thema KI muss man wachsam sein, welche Ergebnisse in Code, Text oder Bild generiert werden, was diese aussagen und was dahintersteckt. Jede KI ist abhängig von der Art der Entwicklung. Wenn dies nur aus einseitigen und machtvollen Standpunkten aus entsteht, setzen wir globale Gerechtigkeit auf’s Spiel.

Es geht also auch um eine machtkritische Auseinandersetzung?

Aliéna: Ja, auf jeden Fall. Neben dem Thema KI arbeite ich in anderen Workshops auch zu den oft verborgenen Arbeits- und Wertschöpfungsketten unserer digitalen Welt. Die Auseinandersetzung mit dem Begriff des digitalen Kolonialismus und den damit verbundenen Ausbeutungsstrukturen bleibt da nicht außen vor. Digitale Technologien prägen das Leben überall auf der Welt. Viele globale Ungerechtigkeiten aus der Vergangenheit setzen sich auch in diesem Bereich fort.

»Das Zeitalter der Digitalität und des Post-Faktischen ist fordernd - umso mehr gilt es jetzt: Neugierig bleiben, Werte entwickeln und in Gemeinschaft dafür einstehen!«

© Aliéna Lill

Was möchtest mit deiner Bildungsarbeit zentral ins Bewusstsein rücken? Was braucht es für gerechte Veränderungen?

Aliéna: Ich möchte sensibilisieren, dass Technologie niemals neutral ist. Und: Dass wir Nutzenden nicht machtlos sind. Es geht darum, dazu zu lernen, sich zu informieren und eine eigene Haltung zu entwickeln. Wir müssen mehr denn je Bildung nutzen, um mündig, aufgeklärt und souverän zu sein und zu bleiben. Das Zeitalter der Digitalität und des Post-Faktischen ist fordernd - umso mehr gilt es jetzt: Neugierig bleiben, Werte entwickeln und in Gemeinschaft dafür einstehen!

 

Welchen Eindruck nimmst du aus der Projektwoche mit?

Aliéna: Junge Menschen haben ein großes Interesse daran, technologische Entwicklungen nicht nur zu nutzen, sondern kritisch zu hinterfragen und aktiv mitzugestalten. Wir müssen Ihnen in einer zunehmend digital geprägten Welt den Raum dafür geben. Genau darin liegt eine zentrale Aufgabe zeitgemäßer Bildungsarbeit.

Das Interview mit Aliéna Lill führte Christoph Kose (Bildung trifft Entwicklung - Schleswig-Holstein)

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