Nachgefragt

Für die Zukunft lernen

Dr. Ulf Schweckendiek vom Projekt „ZUKUNFTSSCHULE.SH“ im Gespräch

Interview: Benjamin Hellwig

Den Ursachen des Klimawandels entgegentreten

Das Auszeichnungssystem „Zukunftsschule.SH“ fördert die Bildung für nachhaltige Entwicklung an den Schulen Schleswig-Holsteins. Kinder und Jugendliche können bei Aktionen, Schulprojekten und im Unterricht Zukunftsthemen wie Müllvermeidung, Energieeinsparung oder ökologische Gestaltung aktiv behandeln und zusammen mit Anderen für die Zukunft lernen. ZUKUNFT.GLOBAL im Gespräch mit Projektleiter Dr. Ulf Schweckendiek vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein.

Dr. Ulf Schweckendiek

Hallo Herr Dr. Schweckendiek, aktuell gibt es rund 250 „Zukunftsschulen“ in Schleswig-Holstein, das entspricht etwa einem Drittel aller Schulen des Landes. Was passiert an diesen Schulen Besonderes?
Die Zertifizierung hilft uns, mit den Schulen ins Gespräch zu kommen. Wir haben Kriterien, die die Bewerber erfüllen müssen und die eine Jury überprüft. Das gesamte Verfahren läuft über eine Online-Plattform, über die sich Schulen für eine von drei Stufen bewerben. Stufe 1 ist ein Angebot an Schulen, Inhalte, die sie ohnehin schon im Unterricht oder außerhalb davon leisten, auf besondere Weise gewertschätzt zu bekommen. Sie veranstalten mindestens zwei Projekte aus dem Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung, beispielsweise zu den Themen Ernährung und Verkehr. Stufe 2 geht etwas weiter. Schulen müssen dann Vernetzung mit externen Partnern anstreben. Das kann beispielsweise an einem außerschulischen Bildungsort sein, den sie regelmäßig besuchen und bei dem gemeinsam ein Benefit entsteht. Für Stufe 3 werden die Schulen zu Multiplikatoren für nachhaltige Bildung. Sie organisieren mit der Hilfe des Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) Netzwerk- und Fortbildungsveranstaltungen, um Lehrkräfte von anderen Schulen, die vielleicht noch keine Zukunftsschulen sind, ins Boot zu holen.

Menschen können an diesen Schulen praxisnah und aktiv erleben, was zukunftsfähiges Handeln bedeutet. „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ muss erkennbar Teil des Unterrichts und des Schulprofils sein. Was verbirgt sich dahinter?
Für Schulen ist BNE etwas wenig Ideologisches. Man neigt dazu zu sagen, dies ist BNE, und dies ist es nicht, und das tut Schulen überhaupt nicht gut. Ein Begriff aus der Schule ist Kompetenzorientierung: Folgen unseres Handelns abzuschätzen und entsprechend sinnvoll und vernünftig zu reagieren. Bei BNE geht es darum, Bildung, Inhalte, Systematiken auf die eigene Situation und auf die der Erde zu beziehen und vernünftiges Handeln zu bewerkstelligen oder zumindest anzudenken. BNE an Schulen ist sehr niedrigschwellig, deshalb aber nicht weniger gut. Sie müssen den Einstieg einfach gestalten, um solche Gedankengänge überhaupt zuzulassen.

„Die Themen sind sehr breit aufgestellt und immer mit einem praktischen, handlungsorientierten Hintergrund verknüpft.“

Dr. Ulf Schweckendiek
Die Welt als Eine Welt begreifen

In welchen Themenfeldern engagieren sich Schulen?
Zunächst ist das Besondere, dass es eine Querschnittsaufgabe ist. Schulen agieren normalerweise in Unterrichtsfächern, typisch sind die Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Themenfelder, in denen Schulen Projekte durchführen, sind beispielsweise Konsum und Ressourcen, Umweltschutz, Verteilungsprozesse, Ernährung, Gesundheit. Die Themen sind sehr breit aufgestellt und immer mit einem praktischen, handlungsorientierten Hintergrund verknüpft. Im Prinzip aber kann jede schulische Fragestellung dabei unter dem Akzent BNE betrachtet werden. Die Fächer in Schleswig-Holstein sind über sogenannte Fachanforderungen organisiert, früher waren das die Lehrpläne. Sie haben alle, und das finde ich sehr beruhigend, in ihrer Präambel stehen, dass das Ziel darin besteht, mithilfe von Wissen nachhaltige Handlungsfähigkeit zu erwerben. Es gibt im Grunde kein Feld, bei dem man sagt, das hat nun nichts mit BNE zu tun.

Tasten, Fühlen, Zusammenhänge verstehen – Lernen im Watt
Im Schulgarten selbst aktiv werden

Sie lernen beim Zertifizierungsverfahren viele Schulen kennen. Welche konkreten Beispiele zukunftsfähigen Handelns sind Ihnen besonders in Erinnerung?
Zunächst einmal zertifizieren wir an den Schulen konkrete Projekte. Weil wir auch wissen, dass wir nicht Schulen als Ganzes, sondern immer nur Aktionen bewerten können, die zudem an Lerngruppen und Lehrkräfte geknüpft sind. Mehr ist nicht möglich, und alles andere wäre auch nicht ehrlich. Ein Klassiker beispielsweise ist, dass Schülerinnen und Schüler die Prozesse und Produkte rund um das Mensaessen untersuchen und dieses nachhaltiger gestalten. Eine andere Schule macht sich aktuell Gedanken über Verkehrsströme – im Moment haben wir die Tendenz, dass Kinder mit sehr großen Autos zur Schule gefahren werden. Die Jugendlichen entwickeln Konzepte, wie sie diese Entwicklung reduzieren können. Fragen, die dabei aufkommen: Wie können Eltern Vertrauen in den Schulweg bekommen, damit Kinder wieder alleine die Lerngelegenheiten auf dem Schulweg wahrnehmen können? Dann gibt es natürlich noch die klassischen Umweltthemen, Gestaltung von Schulgärten, -höfen und -wäldern beispielsweise.

Was nehmen Sie persönlich aus den Besuchen mit?
Das IQSH als Landesinstitut ist mittelbar für Schülerinnen und Schüler da. Normalerweise ist es so, dass wir Lehrkräfte aus- und fortbilden. Über diese Wettbewerbe mit den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen und Bildungserfolge nachzuvollziehen, ist ein sehr direkter Weg. Gerade in dem Bereich BNE es zu schaffen, Schülerinnen und Schüler in Handlungsprozesse zu bringen, fühlt sich wie ein Gewinn an. Sie erleben über die Projekte der Zukunftsschule einen kompetenzorientierten Unterricht und nehmen eine Menge für sich und andere mit. Die Selbstwirksamkeit, wie man das didaktisch nennt, ist dann natürlich durchaus hoch.

Einen Schulgarten gestalten und Zusammenhänge erfahren

Welchen Nutzen haben Schulen von der Auszeichnung?
Zunächst ist es der schnöde Mammon (lacht). Es gibt etwas Geld, aber man muss sagen, dass da andere Wettbewerbe besser aufgestellt sind. Wir haben ein Gesamtpreisgeld von 20.000 Euro für alle Zukunftsschulen eines Jahres. Durch die zweijährige Zertifizierung sind es jährlich rund 100–130 Schulen. Für Stufe 3 liegt die Summe bei etwa 200-300 Euro. Das Preisgeld kommt vom Sparkassen- und Giroverband, der es uns im Rahmen des Nachhaltigkeitspreises zur Verfügung stellt. Was uns tatsächlich aber wichtiger ist, ist das Arbeiten im Netzwerk, nämlich untereinander gute Ideen und Projekte auszutauschen. Schulen müssen bei der Bewerbung ihre Projekte und die Erfahrungen damit auch schildern. Unsere Erwartung ist, dass Lehrkräfte von anderen Schulen, die in ähnlichen Unterrichtssituationen sind, davon partizipieren und aktiv nachfragen. Diese Netzwerkgedanken auf Ebene der Unterrichtsentwicklung sind für uns der zentrale Punkt.

„Schülerinnen und Schüler in Handlungsprozesse zu bringen, fühlt sich wie ein Gewinn an.“

Dr. Ulf Schweckendiek
Gemeinsam forschen. Foto: IQSH/Jens Sauerbrey

Neben der Auszeichnung versteht sich das Projekt auch als Unterstützungssystem ...
Genau, organisatorisch ist es so, dass wir in jedem Kreis in Schleswig-Holstein eine Kreisfachberatung haben. Normalerweise sind das Lehrkräfte, die für den Bereich BNE abgeordnet sind. Sie stehen mit allen außerschulischen Bildungspartnern in Kontakt, die die Schulen unterstützen können. Teilweise auch mit Handwerksbetrieben, die in der Berufsorientierung helfen können. Es ist ein Netzwerk an guten Ideen für Schulen. Hier können Lehrkräfte, die ihren Unterricht auf diese Weise anreichern möchten, Hilfe erhalten. Wir sind mit dem Projekt Zukunftsschulen jetzt im zwölften Jahr, diese Kontinuität ist etwas Besonderes.

Bis 22. März jeden Jahres können Förderschulen, Grundschulen, Regional- oder Gemeinschaftsschulen, Gymnasien oder Berufsschulen Projekte melden und sich damit als „Zukunftsschule.SH“ bewerben ...
Richtig, bis dahin müssen die Schulen ihre Rezertifizierung oder Neubewerbung auf unserer Netzseite eingereicht haben. Wir haben kaum Schulen, die von dem System abspringen, den größten Knick haben wir, wenn Schulen fusionieren. Die Kreisfachberatungen sichten dann die Unterlagen und verabreden sich mit den Vertretern an der Schule und sprechen darüber, auf welcher Stufe die Auszeichnung erfolgen kann. Preisgelder, Urkunden und Kacheln verteilen wir dann zum Schuljahresende zunehmend auch bei Schülerkongressen, um die Schülerinnen und Schüler über den Effekt des Händeschüttelns hinaus zu bekommen.

3 Praxisbeispiele von Zukunftsschulen in Schleswig-Holstein

„Ressourcen schonen mit Recyclingpapier“

Zukunftsschule: Grundschule Witzwort, Nordfriesland
Themenkreise: Konsum und Ressourcen, Abfall, Kreisläufe
Beschreibung: Auf Anregung der Schülervertretung untersuchte das Projekt den Papierverbrauch der Schule. Durch sorgfältige Recherchen und viele Gespräche der Schülerinnen und Schüler konnten Einwände entkräftet werden. Sie sammelten umfangreiche Fakten, die bewiesen, dass bei der Herstellung von Recyclingpapier erhebliche Mengen Strom und Wasser eingespart werden, dass die Umwelt mit deutlich weniger giftigen Chemikalien belastet wird und dass keine Bäume gefällt werden müssen. Der höhere Preis wird nun ausgeglichen durch ein ideenreiches Programm zur Reduzierung des Papierverbrauchs. Die MitschülerInnen wurden ins Boot geholt, indem sie die verschiedenen Recyclingpapiere testeten und abschließend über die Papierangebote abstimmen durften.
www.grundschule-witzwort.de


„Energie-Spar-Projekt“

Zukunftsschule: Schule am Steinautal, Büchen, Herzogtum Lauenburg
Themenkreise: Energienutzung, Wasser
Beschreibung: Das Energie-Spar-Projekt möchte durch Verhaltensänderungen erreichen, möglichst viel Strom, Heizenergie und Wasser einzusparen. Das Projekt leistet einerseits einen konkreten Beitrag zum Klimaschutz, da weniger klimaschädliche Treibhausgase der Schulen und später auch an den Kitas in die Atmosphäre ausgestoßen werden. Andererseits verinnerlichen Kinder und Jugendliche durch hautnahes Erleben den Wert unserer natürlichen Ressourcen und können damit ihr Wissen in die Praxis umsetzen. Zudem wird bei dem Projekt Geld eingespart – denn Energie kostet Geld. Die eingesparten Mittel stehen zur Hälfte zur freien Verwendung durch die Schule, die anderen Hälfte verbleibt zur Haushaltsentlastung beim Schulträger. Somit kann die jeweilige Schule mit den erzielten Einsparungen eigene Projekte, Exkursionen, Anschaffungen etc. verwirklichen.
www.grundschule-buechen.de

 

Verantwortungstag“

Zukunftsschule: Gymnasium Elmschenhagen, Kiel
Themenkreise: Konsum und Ressourcen, Abfall, Kreisläufe, Lebensräume gestalten, Mitbestimmen - Mitgestalten
Beschreibung: Beim Projekttag unter dem Motto „Verantwortung lebt“ nimmt jede Klasse mit einem selbst gewählten Thema in und außerhalb der Schule teil. Neben kontinuierlich laufenden Projekten und Aktivitäten des Verantwortungskonzepts der Schule rückt der einmal jährlich stattfindende Tag diese erzieherischen Zielsetzungen besonders in den Fokus der Schulgemeinschaft. Schwerpunkt in der Vergangenheit waren beispielsweise Aktivitäten mit Flüchtlingen, das Einwerben von Spenden für Spiel-/Schulsachen, ein Fußballturnier bzw. Deutschunterricht mit Flüchtlingskindern sowie Hilfe in Kleiderkammern. Auch Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit sollen zukünftig betont werden, z. B. durch eine Reparaturaktion oder das Upcyceln abgetragener Kleidung.
www.gymnasium-elmschenhagen.de

Zukunft anschieben: lernen in der Natur

Auf welche Weise können Schulen untereinander profitieren?
Ganz formal, wenn sie sich mindestens einmal im Jahr bei Netzwerkveranstaltungen begegnen und Erfahrungen austauschen oder über Bildungspartner diskutieren. Lehrkräfte, die dem Thema verbunden sind, kennen sich oder lernen sich über Zukunftsschulen kennen.

Wie können Schulen, die bereits zertifiziert sind, ihr Engagement in dem Bereich ausbauen und ihr Profil weiter schärfen?
Unser Ziel ist es, jene auf Stufe 1 zu ermutigen, höhere Stufen zu erlangen, weil sie dann wichtiger fürs System und die Lehrkräfte im Land sind. Zudem wünschen wir uns einen gewissen Durchsatz im Kollegium. Wenn sich Lehrkräfte dafür stark machen, dass andere Kolleginnen und Kollegen mit ins Boot einsteigen, ist das eine schöne Entwicklung. Mit guten Beispielen die Dinge im Curriculum, also im schuleigenen Plan für den Fachunterricht, zu verankern, ist der richtige Weg. Bei unseren hochwertig ausgezeichneten Schulen – wir haben rund 40 Stufe-3-Schulen im Land, ist dieser Durchsatz groß. Rund die Hälfte des Kollegiums ist an einer Vielzahl der Projekte beteiligt. Wenn wir dann sehen, dass die Themen gelebt werden, sowohl im Fachunterricht als auch in AGs oder beim Miteinander der Lehrkräfte, dann ist dies eine gute Zukunftsschule.

„Wenn sich Lehrkräfte dafür stark machen, dass andere Kolleginnen und Kollegen mit ins Boot einsteigen, ist das eine schöne Entwicklung.“

Dr. Ulf Schweckendiek

Welche Aspekte zeigen Ihnen die Wirksamkeit von Zukunftsschule.SH, was macht Ihnen Mut?
Zunächst beeindruckt mich die Zahl: 250 Schulen und rund 1.700 Projekte, die auf unserer Seite teils von Schülern selbst dokumentiert sind. Daneben empfinde ich die vielen inhaltlichen Gespräche, beispielsweise bei den Auszeichnungsveranstaltungen, als etwas Besonderes, beispielsweise wenn Schülerinnen und Schüler ihre Stände betreuen. Und wenn wir junge Menschen dabei unterstützen, während der Schulzeit andere Perspektiven aufzumachen, haben wir etwas Sinnvolles für eine Schule getan.

Gibt es etwas, dass Sie ergänzen möchten?
Wir veranstalten mit verschiedenen Bildungspartnern Schülerwettbewerbe zu Themen wie Klimawandel oder Konsum. Diese Aktionen helfen, Schulen einzubinden, die als Zukunftsschule noch nicht aktiv waren. Zudem sind sie attraktiv für einzelne Lehrkräfte, weil sie ihren Unterricht damit sehr konkret gestalten können – mit Themen, die sie didaktisch vielleicht nicht selbst aufbereitet hätten. //

Weitere Infos und Kontakt:

Zukunftsschule.SH im Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH)
Dr. Ulf Schweckendiek (Projektleitung)
Tel: 0431-5403 288
ulf.schweckendiek@iqsh.de
www.zukunftsschule.sh

Sie haben Interesse an zukunftsweisenden Bildungsangeboten des Globalen Lernens?
Gerne informiere ich Sie zu diesem Thema.

Nicole Gifhorn

    

 

Nicole Gifhorn
Promotorin für Globales Lernen im Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein e.V. (BEI)

Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen // Schloss Gottorf

Tel.: 04621-813-160
nicole.gifhorn@landesmuseen.sh
www.bei-sh.org/globaleslernen

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