Vor Ort

Sonnenwasser

Sauberes Trinkwasser durch Solarenergie

Text: Benjamin Hellwig

Kinder im Dorf Morada Nova im brasilianischen Amazonasgebiet holen gereinigtes Trinkwasser von einer in Altenholz bei Kiel gefertigten Anlage.
Foto: Sonnenwasser e.V.

Der schleswig-holsteinische Verein Sonnenwasser e.V. engagiert sich mit einer solaren Wasserentkeimungsanlage für Menschen, die unter verseuchtem Trinkwasser leiden. Die aus Altenholz stammende Technik basiert auf UV-Strahlung, ist einfach zu installieren und bietet besonders in abgelegenen Regionen wie im brasilianischen Amazonasgebiet lebensrettende Verbesserungen.

 

Ein Daniel Düsentrieb hätte hier seine helle Freude. Bei KW-Technik in Altenholz weht der Erfindergeist. In der weitläufigen Produktionshalle nahe des Nord-Ostsee-Kanals stehen riesige feinmechanische Metallfräsen neben Anlagen und Werkzeugen zum Schleifen, Bohren und Drehen. Hinter Tonnen voller Stahlspäne häufen sich auf unzähligen Werktischen Metallteile unterschiedlicher Formen und Größen.

Techniker Erich Klein führt durch die Halle. Er geht hinüber zum Lager für hydraulische Ventile, dann stoppt er im hinteren Teil des Gebäudes. Der 77-Jährige nimmt eine robuste, rund 20 Zentimeter lange Metallröhre aus einer Kiste. Das millimetergenau gefräste Werkstück ist elementarer Bestandteil der mobilen Trinkwasser-Entkeimungsanlage „Sonnenwasser-Kompakt“. KW-Technik produziert sie hier seit 2016 für den schleswig-holsteinischen Verein Sonnenwasser e.V.. „Es fließt absolut keimfreies, sauberes und geschmacksneutrales Trinkwasser durch den Hahn“, sagt Klein.

 

„Die kulturelle Identität der Indios zu stärken, statt ihnen etwas Fremdes überzustülpen, ist eine gute Herangehensweise.“

 

Fritz Strohecker
Fritz Strohecker
Foto: Benjamin Hellwig

Fritz Strohecker kennt die Technik bestens. Er steht im engen Austausch mit dem Altenholzer Unternehmen. „Es gibt Tage, da bin ich von morgens bis abends hier, um mit den Feinmechanikern herumzutüfteln. Wir haben einen sehr angenehmen und menschlichen Kontakt“, sagt der 80-Jährige. Strohecker ist erster Vorsitzender von Sonnenwasser. Der Verein mit Sitz in Strande engagiert sich für die Finanzierung, Beschaffung und Installation der solaren Wasseraufbreitungsanlagen und betreibt Aufklärungsarbeit über verseuchtes Trinkwasser in Ländern des globalen Südens.

Zwischen den Werktischen berichtet Strohecker von seinen Reisen ins südwestliche Amazonasgebiet in Brasilien. 1982 lernt er als produzierender NDR-Redakteur den „Indiopastor“ Walter Sass kennen. Der Pastor lebt jahrzehntelang beim Indio-Stamm der Deni, die beiden stehen bis heute in Kontakt. „Mich beeindruckt seine Sicht auf die Lebensweise der indigenen Völker. Ihre kulturelle Identität zu stärken, statt ihnen etwas Fremdes überzustülpen, ist eine gute Herangehensweise“, sagt Strohecker. Zwei Jahre später trifft er den am National Institute of Amazonian Research in Manaus arbeitenden Wissenschaftler Dr. Roland Vetter. Strohecker lernt damals vom Solartüftler Vetter, dass die im Urwald lebenden Menschen auch von diesem Urwald leben können müssen, dass Solartechnik oftmals die einzig mögliche Methode für die Verbesserung der Lebensqualität ist.

Das Deni-Dorf Morada Nova
Foto: Sonnenwasser e.V.

Verseuchungen des Trinkwassers sind in Amazonien die Ursache für rund 80 Prozent aller Krankheiten

Rund 25 Jahre später installieren Sass, Vetter und Strohecker im Dorf Morada Nova die erste solarbetriebene Wasserentkeimungsanlage. Vorausgegangen war ein bei Vetter eingegangener Hilferuf. Das Flusswasser des Xeruã, einem Nebenfluss des Amazonas, nutzt der Stamm der Deni als Trinkwasser. Es verursachte schwere und langwierige Durchfallerkrankungen mit Todesfolge. Das Problem betrifft auch viele andere Indiovölker. Besonders in den abgelegenen und schwer zugänglichen Gebieten des großflächigen Amazonas-Regenwaldes beklagen Einwohner einen Mangel an trinkbarem Wasser. Verseuchungen sind hier die Ursache für rund 80 Prozent aller Krankheiten.

Waschgelegenheit, Trinkwasserquelle, Toilette:
Der Fluss Xeruã hat viele Funktionen für die Deni.
Foto: Sonnenwasser e.V.

Die Herausforderungen sind zudem globaler Natur. Jedes Jahr sterben laut Weltgesundheitsorganisation mehr als 1,8 Millionen Menschen an verseuchtem Wasser. Etwa jeder zehnte Mensch hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, jeder dritte keine angemessene sanitäre Basisversorgung. Ein Problem, das die Vereinten Nationen (UN) bewältigen wollen. Ihr erklärtes Ziel ist es, bis 2030 für alle Menschen sauberes Trinkwasser und sanitäre Versorgung zu ermöglichen. Es ist das sechste Ziel der 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) der UN.

„Nach einem 800-Kilometer-Flug von Manaus in den Südwesten ging es in einem kleinen Amazonasboot 600 Kilometer weit über drei Tage und Nächte zum Stamm der Deni“, erinnert sich Strohecker an seine Reise 2011. Sie stellen drei der damals noch stationären Anlagen auf. Das Solarpanel liefert den Strom, um das Flusswasser mit Zwölf-Volt-Technik ins Dorf zu pumpen. Ein rund drei Meter hoher Turm aus Holzbalken trägt den großen Wasserbottich, von dort läuft das Wasser in die Entkeimungsanlage.

Kind im „Schüsselboot” auf dem Xeruã
Foto: Sonnerwasser e.V.

2015 folgen weitere dieser Anlagen. Dank des Vereins versorgen heute 15 stationäre Entkeimungssysteme eine Region von der Größe Schleswig-Holsteins. Zweimal im Jahr fährt ein einheimischer Techniker für Wartungsarbeiten mit dem Boot dorthin, bei akuten Problemen ist er über Funk erreichbar. Die Kosten hierfür übernimmt Sonnenwasser anteilig. „Uns ist wichtig, die Menschen vor Ort dazu zu befähigen, sich selbst um die Herausforderungen zu kümmern“, kommentiert Strohecker. „Dazu gehört auch die Instandhaltung.“

 

 

 

Techniker Erich Klein demonstriert das Innere des Reaktorgehäuses
Foto: Benjamin Hellwig

Hier bei KW-Technik feilt das Team immer wieder an Optimierungen der Anlage. 2016 gelang es den Feinmechanikern, aus der stationären eine mobile Anlage zu entwickeln. Techniker Klein und Strohecker öffnen den Alukoffer. Er hat Handgepäckmaße, was gerade für Flüge in kleineren Flugzeugen wichtig ist. Die beiden zeigen das Innenleben der „Sonnenwasser-Kompakt”. Klein erklärt, dass die Metallröhre zusammen mit einer darin steckenden Quarzglasröhre mit integrierter UV-Lampe als Reaktorgehäuse fungiert. Die ultravioletten Strahlen treffen auf das zwischen Metall und Quarzglas fließende Wasser und zerstören damit die Erbsubstanz der im Wasser vorhandenen, krank machenden Mikroben. Vorgeschaltete, austauschbare Filter mit beispielsweise Aktivkohle entziehen zuvor dem Wasser Schwebstoffe und wirken antibakteriell. „Unsere neue Technik ist jetzt kleiner, leichter und wartungsfreundlicher. Zudem ist sie nun für alle Stromquellen nutzbar“, sagt Strohecker.

Mit einer einzigen „Sonnenwasser-Kompakt“ werden künftig rund 400 Liter sauberes Trinkwasser pro Stunde in Rao, Khar Yalla und acht weiteren Dörfern fließen

 

Im Senegal wird sich Sonnenwasser e.V. als nächstes engagieren.
Foto: Iris Hübscher

Mit den mobilen Anlagen will Sonnenwasser nun in neue Dimensionen vorstoßen. Der Verein plant, die Modelle möglichst weltweit zu verbreiten. „Wir brauchen Impulse von Betroffenen, Vereinen und Hilfsorganisationen. Wir wollen all diese Menschen erreichen, damit sie unsere Technik einsetzen können“, sagt Strohecker. Die Kosten für eine Anlage liegen bei rund 1.500 Euro. Geld, das der Verein derzeit über Spenden generiert. Aktuell läuft auf der Online-Plattform Betterplace das Fundraising für ein Engagement von Sonnenwasser im Nordwesten Senegals. Strohecker führt mich erneut in die Tiefen der Halle zu einem Stapel von zehn fertig verpackten, mobilen Entkeimungsanlagen. Er zeigt ein Foto des senegalesischen Dorfes Rao in der Nähe der Stadt Saint Louis, berichtet, wie sich Einheimische ihr Wasser aus einem Abwasserkanal abfüllen. Die starke Verkeimung verursacht immer wieder schwere Erkrankungen, die zum Teil bis zum Tode führen. Mit einer einzigen „Sonnenwasser-Kompakt“ werden künftig rund 400 Liter sauberes Trinkwasser pro Stunde in Rao, Khar Yalla und acht weiteren Dörfern fließen.

Die Verbesserung der Lebensbedingungen soll im westafrikanischen Land auch durch die Einbeziehung der Bevölkerung gelingen. Sonnenwasser treffe dort auf eine gute Unterstützung von Regierung, Behörden und Interessierten, meint Strohecker. Er blickt zuversichtlich auf das neue Projekt. Ziel ist es, die hier in Altenholz gefertigten Bauteile zu liefern und vor Ort zusammenbauen zu lassen. So will Sonnenwasser den Menschen das Know-how direkt vor Ort vermitteln – damit Betroffene langfristig vom Altenholzer Erfindergeist profitieren und das für ein Leben vor Ort notwendige Trinkwasser selbst herstellen können.

 

Der Verein Sonnenwasser e.V.
Für die Beschaffung und Installation solarer Wasserdesinfektionsanlagen, beispielsweise für das Senegal-Projekt, benötigt der Verein finanzielle Unterstützung:
www.betterplace.org/de/projects/61138- sonnenwasser-rettet-menschenleben

Spendenkonto:
IBAN: DE03 2105 0170 1001 8276 49

Weitere Infos und Kontakt:
Sonnenwasser e.V.
1. Vorsitzender: Fritz Strohecker
Arp-Schnitger-Weg 36, 24229 Strande
Tel.: 04349-9141757

www.sonnenwasser.info

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Katrin Kolbe
Projektleiterin „Die Sustainable Development Goals (SDGs) in Schleswig-Holstein – Nachhaltigkeit von Küste zu Küste“

Bündnis Eine Welt
Schleswig-Holstein e.V. (BEI)

Dachverband entwicklungspolitischer Organisationen

Walkerdamm 1, 24103 Kiel
Tel.: 0431-679 399 00

www.bei-sh.org/globalenachhaltigkeit

  

 

 

 

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